Wer war Meister Eckhart?

Wer war Meister Eckhart?

PROJEKT COSMOS

Sascha Lenze

6/14/20266 min lesen

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Wer war Meister Eckhart?

von Sascha Lenze

Es gibt Menschen, die vor Jahrhunderten gestorben sind und trotzdem im Raum stehen, wenn man ihren Namen ausspricht. Meister Eckhart ist einer von ihnen. Nicht weil er berühmt wäre — die meisten haben noch nie von ihm gehört. Sondern weil das, was er gesagt hat, so präzise und so radikal ist, dass man es, einmal gelesen, nicht mehr loswird.

Ich versuche hier, ihn vorzustellen. Nicht als Theologe, nicht als Akademiker. Sondern als jemand, der ihn gelesen hat und seitdem anders denkt.

Der Mensch

Meister Eckhart wurde um 1260 im thüringischen Hochheim geboren — einem kleinen Ort, von dem sonst nichts übrig geblieben ist außer diesem einen Namen. Er trat jung in den Dominikanerorden ein, den Orden der Predigerbrüder, der damals die intellektuelle Elite der Kirche stellte. Die Dominikaner waren keine gewöhnlichen Mönche. Sie waren Theologen, Lehrer, Prediger — der wissenschaftliche Arm der mittelalterlichen Kirche.

Eckhart studierte in Köln, wahrscheinlich unter Albertus Magnus, dem Lehrer des Thomas von Aquin. Er studierte in Paris, dem Zentrum der scholastischen Theologie. Er lehrte an der Universität Paris — nicht einmal, sondern zweimal. Das war außergewöhnlich. Nur wenige haben das je geschafft.

Er war Prior in Erfurt, Provinzial der Dominikaner in Sachsen, Vikar in Böhmen. Er verwaltete Klöster, organisierte Ordensgeschäfte, schrieb lateinische Traktate für die Gelehrten und hielt deutsche Predigten für die Menschen. Er war kein weltfremder Mystiker in einer Zelle — er war ein Mann in der Welt, mit Verantwortung, mit Amt, mit Einfluss.

Und gleichzeitig hat er Dinge gesagt, die kein anderer vor ihm so klar gesagt hat.

Der Denker

Um zu verstehen, was Eckhart dachte, muss man zuerst verstehen, wogegen er dachte.

Die Theologie seiner Zeit hatte Gott zu einem Ding gemacht. Nicht absichtlich — aber das war das Ergebnis. Man hatte Gott Eigenschaften zugeschrieben: Er ist allmächtig. Er ist allwissend. Er ist gütig. Er ist gerecht. Man hatte ihn gedacht wie das größte aller Wesen — das höchste Ding in einer Welt voller Dinge.

Eckhart sagte: Das ist falsch. Nicht aus Unglauben — aus einem radikaleren Glauben.

Sein Argument: Sobald man Gott eine Eigenschaft zuschreibt, begrenzt man ihn. Sobald man sagt, Gott ist gut, macht man Güte zu einer Kategorie, unter die Gott fällt. Aber Gott fällt unter keine Kategorie. Gott ist kein Ding, kein Gegenstand, kein Wesen neben anderen Wesen. Er ist der Grund, aus dem alles kommt — und als Grund ist er selbst jenseits von allem, was man über ihn sagen kann.

Deshalb der Satz: Got ist niht. Gott ist nichts — nicht im Sinn von Abwesenheit, sondern im Sinn von: kein Ding. Keine Kategorie. Kein Name hält ihn.

Den Ort, den Eckhart dahinter beschreibt, nennt er den Grunt — den Grund. Tiefer als die Trinität. Tiefer als Vater, Sohn und Geist. Ein Ort, der sich selbst nicht kennt, weil er kein Gegenüber hat. Absolute Stille. Absolute Fülle. Beides zusammen.

Das ist nicht Atheismus. Das ist das Gegenteil von Atheismus. Es ist die radikalste Form von Theologie, die ich kenne — weil sie nicht bei dem stehen bleibt, was man sagen kann, sondern bei dem, worüber man schweigen muss.

Das Funklein

Aber Eckhart ist nicht nur Apophase — nicht nur das Denken durch Verneinung. Er hat auch etwas über die Seele gesagt, das mindestens genauso radikal ist.

Im Innersten der Seele — nicht im Verstand, nicht im Willen, nicht im Gefühl — gibt es einen Ort, den er Funklein nennt: scintilla animae. Einen Funken. Einen Punkt.

Dieser Funken war nie von Gott getrennt. Nicht durch die Geburt, nicht durch die Sünde, nicht durch den Tod, nicht durch die Zeit. Er ist der Berührungspunkt, an dem die Seele schon immer mit dem Grund in Kontakt ist — bevor jeder Gedanke, bevor jedes Gefühl, bevor jede Religion.

Das ist der eigentlich unglaubliche Satz bei Eckhart: Man muss Gott nicht suchen. Man muss nur still genug werden, um zu merken, dass man schon gefunden hat.

Diese Stille nennt er Abgeschiedenheit — nicht Rückzug von der Welt, sondern einen inneren Zustand, in dem das ständige Rauschen der Einordnung und Bewertung aufhört. In dem der Grunt der Seele dem Grunt Gottes begegnet — nicht als zwei Dinge, die sich treffen, sondern als ein Ort, der erkennt, dass er nie zwei gewesen ist.

Ich habe das gelesen und an die Werkstatt gedacht. An den Zustand, der manchmal eintritt, wenn man sehr konzentriert arbeitet und die Zeit aufhört. Wenn das Denken nicht weg ist, aber ruhig. Wenn man ganz bei der Sache ist — und gleichzeitig irgendwo, wo die Sache und man selbst nicht mehr verschieden sind.

Vielleicht ist das dasselbe. Ich weiß es nicht. Aber ich wundere mich nicht mehr, dass Eckhart mich nicht loslässt.

Die Verurteilung

1326 wurde Eckhart von den Kölner Erzbischöfen angeklagt. Der Vorwurf: Häresie. Seine Lehren seien gefährlich, missverständlich, geeignet, das einfache Volk zu verwirren.

Er verteidigte sich. Er sagte, seine Aussagen seien aus dem Zusammenhang gerissen, falsch verstanden worden. Er sagte — und das ist bemerkenswert — dass er bereit sei, jeden Satz zurückzunehmen, der tatsächlich gegen den Glauben verstieße. Er sei kein Ketzer. Er sei ein Dominikaner, der versuche, die Wahrheit zu sagen.

Er starb 1327 oder 1328, bevor der Prozess abgeschlossen war — wahrscheinlich in Avignon, wo er vor den päpstlichen Hof gezogen worden war.

Zwei Jahre nach seinem Tod, 1329, erließ Papst Johannes XXII. die Bulle In agro dominico. Darin wurden 28 Sätze aus Eckharts Werk verurteilt — 17 als häretisch, 11 als gefährlich oder anmaßend.

Eckhart konnte sich nicht mehr verteidigen.

Was mich daran beschäftigt: Die Kirche hat nicht gesagt, er irre sich in einer Nebenfrage. Sie hat seinen Kern verurteilt — die Aussage über den Grunt, über das Funklein, über die Einheit der Seele mit Gott. Genau das, was ich für das Wahrhaftigste halte, was er geschrieben hat.

Geschichte hat das nicht ungeschehen gemacht. Eckhart wird heute — siebenhundert Jahre später — von vielen Theologen für einen der bedeutendsten christlichen Mystiker gehalten. Die Dominikaner haben formal beantragt, die Verurteilung aufzuheben. Der Vatikan hat das bis heute nicht getan. Aber in der Praxis wird er längst gelehrt, gelesen, zitiert — an Universitäten, in Klöstern, in Büchern.

Er hat die Verurteilung überlebt. Das sagt etwas über seine Sätze.

Die Sprache

Ein letztes, das ich nicht übergehen kann: Eckhart hat auf Deutsch gepredigt.

Das klingt selbstverständlich. Es war es nicht. Die Theologen seiner Zeit schrieben Latein. Das war die Sprache der Gelehrten, der Kirche, des Wissens. Deutsch war die Sprache der Frauen, der Handwerker, der Menschen, die keine Universität besucht hatten.

Eckhart hat bewusst gewählt, wem er reden wollte. Er hat die tiefsten Fragen — über Gott, über die Seele, über das Nichts, aus dem alles kommt — in eine Sprache übersetzt, die damals noch gar keine Worte dafür hatte. Er hat sie erfunden. Viele Begriffe des deutschen philosophischen Wortschatzes stammen von ihm: Grund, Wesen, Einheit, Ausdruck — Worte, die wir heute selbstverständlich benutzen, die er geprägt hat, weil er sie brauchte.

Er wollte nicht für die Gelehrten schreiben. Er wollte predigen — für die Frauen in den Beginengemeinschaften, für die Menschen in den Stadtkirchen, für alle, die die Fragen hatten, auch wenn sie die akademische Sprache nicht beherrschten.

Das ist der Grund, warum er mich auch als Nicht-Theologe erreicht. Er hat nie vorausgesetzt, dass man Latein kann, dass man Thomas von Aquin gelesen hat, dass man die Scholastik kennt. Er hat vorausgesetzt, dass man denken kann — und dass die Fragen, die er stellt, Fragen sind, die jeden betreffen.

Das stimmt. Siebenhundert Jahre später noch.

Warum er heute wichtig ist

Ich lebe in einer Zeit, in der viele Menschen mit dem institutionalisierten Glauben fertig sind — mit der Kirche, mit den Konfessionen, mit dem Gott, der in Sätzen wohnt und Regeln aufstellt. Und gleichzeitig suchen dieselben Menschen nach etwas, das sie nicht benennen können. Nach dem Grund hinter allem. Nach dem, was bleibt, wenn die Worte aufhören.

Eckhart ist für diese Menschen gemacht. Nicht weil er keine Konfession hat — er war überzeugter Dominikaner bis zum Ende. Sondern weil er tiefer als die Konfession denkt. Weil er zu dem Ort vordringt, der vor der Religion liegt — und der gleichzeitig ihr Grund ist.

Er sagt nicht: Glaub das. Er sagt: Sei still genug, um zu hören, was schon immer da ist.

Das ist keine Technik. Kein Seminar. Kein Achtsamkeitsprogramm.

Das ist Theologie. Und es ist das Mutloseste daran, mit Absicht nicht zu sagen, was man sagen könnte — weil der Grund, um den es geht, sich jedem Satz entzieht.

Deshalb endet dieser Text hier.

Meister Eckhart, geboren um 1260 in Hochheim bei Gotha. Gestorben 1327/28 in Avignon. Dominikaner, Theologe, Prediger. Posthum verurteilt. Bis heute nicht rehabilitiert. Bis heute gelesen.

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