A cozy reading nook with an open book and a warm cup of tea by the window.
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Ein Ort, für den es keine Worte gibt

Vom Atem, vom Tod und vom Lebendigen

Sascha Lenze

Drei Stimmen — drei Strecken aus dem Buch

persönlich · physikalisch · buddhistisch

Dieses Buch hat drei Stimmen. Eine, die persönlich spricht — aus einer Kindheit, einer Wunde, einer Frage am Friedhof, die nie ganz aufgehört hat. Eine, die physikalisch spricht — weil ich über zwanzig Jahre in Vakuumkammern, an Magneten und Pumpen gearbeitet habe und gelernt habe, dass die Welt unter dem Sichtbaren schwingt. Und eine, die aus der buddhistischen Übung kommt — die einfache Bewegung, die aus Aufmerksamkeit Ethik macht.

In dieser Leseprobe finden Sie vier Strecken, in denen jede dieser Stimmen für sich sprechen darf. Sie sind keine Zusammenfassung. Sie sind Eingänge in dasselbe Haus.

— Sascha Lenze

Das Grab am Ende der Reihe

Aus Kapitel 20 — Das aktive Vergessen

Erinnerst du dich noch an das Grab, von dem im Vorspann die Rede war?

Nicht das von Nadine mit dem weißen Kreuz, das Sonntag für Sonntag gepflegt wurde, sondern das andere, das alte mit dem verrotteten Holzkreuz, der eingesunkenen Erde, der unleserlichen Inschrift.

Ich muss noch einmal dorthin zurück. Damals habe ich davon nur erzählen können, was ein Kind sieht. Heute, an dieser Stelle des Buches, kann ich erzählen, was ich nicht wusste, dass ich sah.

Der Friedhof, von dem ich spreche, war ein Kinderfriedhof, ein eigenes kleines Feld in einem Waldfriedhof in Köln. Wer nicht ein eigenes Kind dort hatte, kam nicht vorbei. Es war eine abgelegene Stelle, von Bäumen umstanden, die das Feld einrahmten und es vom übrigen Friedhof abtrennten. Man musste es suchen. Und das alte Grab lag dort, wo das Feld in das Stück Wiese überging, das niemand mehr betrat. Es war das Erste der hinteren Reihe. Auf einem Friedhof, der ohnehin abseits lag, war dieses Grab das Abseitigste vom Abseitigen.

Die anderen Gräber waren schön. Kindergräber sind das oft auf eine Weise, die einen erschüttert, weil man sieht, wie viel Liebe dort hineingelegt wird, wie viel Mühe Eltern aufbringen, einen kleinen Ort gegen die Kälte der Welt zu halten. Es standen Kerzen, manche brannten noch, manche waren erloschen und wurden ersetzt. Es lagen kleine Spielzeuge, Engel, Steine mit aufgemalten Herzen. Die Erde war frisch geharkt, das Unkraut gezogen, die Blumen gewechselt. Man sah, dass hier Menschen kamen, die nicht aufhören konnten zu kommen.

Nur dieses eine Grab nicht. Es stand da ganz einsam und allein. Selbst im Sommer, wenn um es herum alles blühte, war es immer braun, weil Tannennadeln und Zapfen darauf lagen, von Jahr zu Jahr mehr, die niemand mehr abkehrte. Im Frühling fielen die alten Nadeln in die eingesunkene Erde, im Herbst kamen die neuen dazu, im Winter lag Schnee darauf, und im nächsten Sommer war es wieder braun, weil sich nichts geändert hatte. Die Zapfen lagen, wo sie gefallen waren. Niemand hob sie auf. Niemand strich Erde glatt. Niemand stellte eine Kerze auf, niemand zündete eine an, niemand löschte eine aus.

Wenn meine Mutter in Nadines Grab vertieft war, ging ich jedes Mal nach hinten zu diesem Grab. Ich blieb davor stehen, ruhig, manchmal lange, und schaute es einfach an. Es zog mich dort hin, jedes Mal. Ich war neugierig auf das Kind, das da unten lag. Ich wollte wissen, wer es war. Und ich fühlte mich, ohne es benennen zu können, mit ihm verbunden, als wäre da jemand, der allein war und der gemerkt hat, dass ich gekommen bin. Vielleicht war das Einbildung. Vielleicht auch nicht. Ein Kind, das bei einem anderen Kind steht, auch wenn das andere lange nicht mehr atmet, ist immerhin nicht mehr ganz allein.

Vielleicht habe ich mich auch selbst allein gefühlt damals, und vielleicht zog mich das Grab gerade deshalb an. Ich war ein Kind in einem Haus, in dem die Trauer um Nadine alle Räume füllte. Meine Mutter war anwesend und doch oft weit weg, in einem Schmerz, in den ich nicht hineinreichen konnte. Vielleicht hat das vergessene Grab etwas zurückgespiegelt, was ich kannte: ein Allein-Sein, das niemand bemerkt. Und vielleicht hat es mich gerade deshalb getröstet. So, wie das Ignotum mich später getröstet hat: nicht durch Antwort, nicht durch Auflösung, nicht durch eine Hand, die mich aus dem Allein-Sein herauszieht. Sondern durch eine Anwesenheit, die einfach da ist, wenn man sie braucht, und die nicht verlangt, dass man etwas anderes wäre, als man gerade ist.

Heute sehe ich darin etwas, das ich damals nicht hätte beschreiben können: dass die Resonanz, von der dieses Buch handelt, nicht erst beginnt, wenn man sie kennt. Ein Kind, das jeden Sonntag schweigend vor einem vergessenen Grab steht, hält schon Resonanz, ohne ein Wort dafür zu haben. Es bremst, ohne es zu wissen, das Negotum. Es ist die Hand, die nicht harkt, nicht Unkraut zieht, keine Kerze anzündet, und doch eine Hand, die anwesend ist. Was bei meiner Schwester die Pflege meiner Mutter war, war hier mein bloßes Stehen. Das ist weniger als Pflege. Aber es ist mehr als Vergessen. Und vielleicht ist das die ehrlichste Form von Resonanz, die es gibt: die zwischen zwei, die beide einsam sind, und die einander gerade in dieser Einsamkeit erreichen. Ich brauchte das Grab, und das Grab brauchte mich. Keiner von uns konnte den anderen retten. Aber wir waren miteinander da.

Da hinten lag also ein Kind, von dem niemand mehr wusste, wer es war. Außer vielleicht ein anderes Kind, das jeden Sonntag dort vorbeischaute.

Dieser Gedanke hat mich Jahre nicht losgelassen, und ich habe lange nicht verstanden, warum. Ich kannte den Toten in diesem Grab nicht. Ich kannte seine Mutter nicht, die irgendwann aufgehört haben musste zu kommen. Ich kannte niemanden, der mit dieser Auslöschung verbunden war. Und doch hat sie mich beschäftigt, auf eine Weise, die nichts mit meiner eigenen Geschichte zu tun hatte. Heute weiß ich: Ich bin dort dem Negotum begegnet. Nicht in seiner ersten Form, dem Tod, sondern in seiner zweiten, der langsamen Auslöschung, die nach dem Tod weiterläuft und die irgendwann auch die Spur des Toten löscht. Mein Kind-Sein hat das nicht gewusst, aber etwas in mir hat gespürt, dass hier eine Bewegung am Werk war, die noch nach dem Tod weiterzieht. Nicht das Sterben. Das Sterben war Jahrzehnte vorbei, vielleicht ein Jahrhundert. Sondern ein zweiter, langsamerer Prozess, der das, was vom Sterben übrigblieb, weiter abtrug.

Nadines Grab hatte diesen Prozess nicht aufgehalten. Kein Kampf gegen den Tod kann das; der Tod ist nicht aufzuhalten. Aber es hatte das Negotum gebremst. Eine Hand kam jede Woche und legte etwas Ordnung in den Verfall, eine Hand wischte Staub vom Kreuz, eine Hand zog Unkraut. Das war keine Resurrektion. Das war Resonanz: die Weigerung, das Tote der zweiten Auslöschung zu überlassen.

Vor dem alten Grab fehlte diese Hand. Was dort vor sich ging, war nicht der Tod selbst, der schon längst eingetreten war, sondern seine Vollendung. Das Negotum arbeitete dort ungebremst. Erde sank ein, Holz verrottete, Buchstaben verschwanden, Tannennadeln häuften sich. Irgendwann würde auch der Hügel verschwunden sein, und dann das Stück Erde insgesamt, und dann die Erinnerung daran, dass es je ein Hügel gewesen war. Ich habe als Kind vor einem Vorgang gestanden, der noch nicht zu Ende war.

Was ich damals nur als Trauer empfunden habe, war in Wahrheit etwas Anderes: ein Erschrecken vor der Reichweite des Negotums. Es endet nicht mit dem Tod. Es endet auch nicht mit der Beerdigung. Es arbeitet weiter, langsam, geduldig, durch Jahrzehnte und Jahrhunderte hindurch, bis nichts mehr da ist, woran man sich halten könnte. Ein Mensch verschwindet nicht in einem Akt. Er verschwindet in einer Bewegung, die viele Stationen hat, und das vergessene Grab ist eine späte Station auf diesem Weg, vielleicht die letzte vor der vollständigen Auslöschung.

Dass mich das als Kind beschäftigt hat, ohne dass ich es benennen konnte, ist heute für mich kein Wunder mehr. Kinder spüren ontologische Vorgänge oft schärfer als Erwachsene, weil sie noch keine Begriffe haben, hinter denen sie sich verstecken könnten. Ich habe damals nicht gedacht: „Hier wirkt das Negotum." Ich habe gedacht: „Da liegt jemand, an den niemand mehr denkt." Das ist derselbe Satz, in einer anderen Sprache.

Und ich glaube, an diesem Grab habe ich, ohne es zu wissen, die Frage gestellt, die mich später zur Ethik der Resonanz geführt hat. Wenn das Negotum so weitreichend ist, wenn es nicht beim Tod aufhört, sondern noch die Spur des Toten zerfrisst, dann ist die Pflege eines Grabes mehr als eine Geste der Trauer. Sie ist ein Akt der Resonanz gegen einen Prozess, der ohne Widerstand alles wegnimmt. Und sie ist auch eine Frage an die Lebenden: Wessen Grab pflegen wir? Welche Erinnerungen halten wir in Schwingung? Welche lassen wir verfallen? Welche Auslöschung dulden wir, ohne hinzusehen?

Das sind Fragen, die ein Erwachsener stellt, nicht ein Kind. Aber das Kind, das damals vor diesem Grab stand, hat den Boden bereitet, auf dem diese Fragen Jahrzehnte später wachsen konnten.

Übergang. Ich habe in diesem Kapitel das Negotum so beschrieben, wie ich es sehe. Ich habe die Lebenskunst des aktiven Vergessens als Möglichkeit dargestellt, ohne sie zur Pflicht zu machen. Ich habe die Bewegung in den größeren Atem der Quaternitas Vivens eingebettet und versucht, ihren Trost ehrlich zu setzen.

Aber wer ehrlich denken will, muss seine eigene Konstruktion auch von außen anschauen. Ein Buch, das dieselben Geschichten über sich selbst erzählt, ohne offenzulegen, wo es schwach ist, ist keine Philosophie, sondern eine Theologie ohne Eingeständnis. Das nächste Kapitel zeigt, wo diese Schwingungslehre sich selbst etwas schuldet — wo sie wackelt, wo sie ungeschützt ist, wo sie ihrer eigenen Versuchung ausgeliefert ist. Diese Selbstprüfung ist nicht das Eingeständnis einer Niederlage, sondern die Bewegung, mit der eine lebende Philosophie atmet.

Die persönliche Stimme

Die Wunde, aus der dieses Buch atmet

Aus dem Vorspann

Bevor wir anfangen. Bevor du das nächste Kapitel aufschlägst, muss ich dir die Wunde zeigen, aus der dieses Buch atmet. Sonst liest du, was hier folgt, als ein kosmologisches Lehrgebäude, und das wäre falsch. Es ist kein Lehrgebäude, sondern die Form, die ich gebraucht habe, um etwas zu halten, das ich anders nicht halten konnte.

Meine kleine Schwester Nadine ist im Alter von sechs Monaten gestorben. Plötzlicher Kindstod. Ich war drei Jahre alt, als sie gegangen ist. Ich habe sie gekannt — was ein dreijähriges Kind eben kennt: Atmosphäre, Wärme an einer bestimmten Stelle des Raums, ein Klang einer Stimme, ein Geruch. Es ist ein Körpergedächtnis, älter als jedes Wort. Es hat mit ihrem Tod nicht aufgehört, aber es hat sich verschoben: die Wärme ist zu einer Lücke geworden, die kleine Stimme zu einer Stille, der Geruch zu einer Erinnerung an etwas, das nicht mehr da ist.

Vierzig Jahre habe ich gelesen, gedacht, gefragt, gebaut, um mir um diese Bruchstelle herum ein eigenes Universum zu errichten — eines, in dem das Loch einen Ort haben durfte. Erst nach vierzig Jahren, beim Abschluss dieses Buches, ist mir klar geworden, was da eigentlich passiert ist. Ich habe nicht spekuliert, was ein Mensch tut, wenn er sich aus Selbstschutz ein eigenes Universum baut. Ich habe es getan, ohne es zu merken, von der ersten Tot-Zeit-Frage am Friedhof bis zur letzten Korrektur an dieser Seite.

Eine Nacht im Regen. Ich war ein kleines Kind, ich weiß nicht mehr genau, wie alt, vielleicht drei, vielleicht vier. Ich hatte einen Krupp-Anfall, einen jener nächtlichen Anfälle, in denen die Atemwege eines Kindes anschwellen und die Luft nicht mehr durchfindet. Der Atem hört nicht ganz auf, er wird nur eng, wie durch ein zu schmales Rohr, und die Stimme, die das Kind benutzt, klingt wie ein bellender Husten, den man nicht abstellen kann.

Ich stand allein im Wohnzimmer, vor dem dunklen Holzschrank, der die Wand wie ein stiller Riese dominierte. Plötzlich schnürte sich die Lunge zu, als würde jemand die Brust zerquetschen. Ich wollte rufen, aber es kam nur ein Flüstern aus mir heraus: „Hhh… Hilfe, Mama…" Mit letzter Kraft sammelte ich, was ich hatte, und brach in einen Schrei aus, ein rohes, verzweifeltes „Mama!", das durch die Wohnung hallte wie ein Donnerschlag.

Sie kam, ihre Schritte polterten, ihre Stimme voller Angst. Eine Mutter, die schon einmal ein Kind verloren hatte, hat in diesen Sekunden nicht abgewogen. Sie hat den Krankenwagen gerufen, mit der Logik der Verzweiflung im Kopf: Ich verliere kein zweites.

Was ich aus dieser Nacht behalten habe, ist eine einzige, sehr konkrete Erinnerung: wie ich in dem Krankenwagen saß. Klein, eingewickelt, irgendwo zwischen wach und halbschlaf. Ein Innenraum mit Lampen, die anders sind als die zu Hause. Ein Geräusch, das fremd war und doch beruhigend, weil es bedeutete, dass jetzt jemand etwas tat, was ich nicht selbst tun konnte. Es regnete draußen, einer dieser bergischen Regen, die nicht stürmen und nicht aufhören, sondern einfach sind, eine Atmosphäre, die das Land in einen feuchten Schleier hüllt. Der Krankenwagen fuhr durch diesen Regen, ich saß drin, und an einer Stelle, die ich nicht genau lokalisieren kann, ist mein Atem zurückgekehrt. Nicht spektakulär. Nicht plötzlich. Einfach: er ging wieder. Die Enge ließ nach. Das Kind atmete.

Der Regen war nicht freundlich. Er hat das Kind nicht gerettet; er war der Raum, in dem die Rettung geschah. Das ist ein Unterschied.

Fragen am Grab. Jeden Sonntag fuhren wir zum Friedhof in Köln-Dellbrück, meine Mutter, M. und ich. Es war kein trauriger Marsch, sondern ein Ritual, das meine Mutter brauchte, um Nadine nah zu sein. Ich war vier, vielleicht fünf, und der Friedhof war für mich ein Ort voller Fragen, ein Ort, an dem ich anfing, die Welt zu hinterfragen, ohne die Antworten zu verstehen.

Mein Blick wanderte oft zu einem anderen Grab, am Ende der Reihe. Dieses Grab war alt, vernachlässigt, die Erde eingesunken, das Kreuz aus Holz verrottet, schief, die Inschrift kaum lesbar. Keine Blumen, kein Leben, nur ein Haufen Erde, der vergessen aussah. Ich starrte es an, meine Hände in den Taschen meiner Jacke, und fragte mich: Warum ist die Erde tiefer? Warum sieht es so kaputt aus? Meine Mutter erklärte mir, dass die Erde absackt, wenn der Sarg verrottet und zusammenfällt. Das faszinierte mich, aber es machte mir auch Angst. Was passiert mit Nadine, wenn es regnet? Wird sie nass? Ist ihr Sarg undicht? Ist es nicht unbequem da unten?

Diese Fragen gingen weiter: Warum wird dieses Grab nicht gepflegt? Wurde die Person vergessen? Wer liegt da überhaupt? Der Gedanke, dass jemand einfach weg ist, als hätte es ihn nie gegeben, war unerträglich. Ich dachte an Nadine, an ihr rotes Muttermal, an die kurze Zeit, die sie hatte, und ich wollte nicht, dass sie vergessen wird.

Diese Sonntage waren mehr als ein Ritual. Sie waren der Anfang meiner Suche nach Wissen, nach Sinn. Am Friedhof begann ich zu fragen, warum das Leben so ist, warum der Tod kommt, warum wir zurückbleiben. Nadines Tod hatte einen Riss in meine Welt geschlagen, und diese Fragen waren mein Versuch, diesen Riss zu verstehen, auch wenn ich noch zu jung war, um die Antworten zu greifen.

Derselbe Regen. Der Regen, der mich als Kind gerettet hat, ist derselbe Regen, der über Jahre meiner Kindheit auf einen Friedhof gefallen ist. Er hat die Erde aufgeweicht, in der meine Schwester lag. Er ist in das Grab gesickert, langsam, unaufgeregt, wie er es überall tut. Die Mutter, die in einer Nacht den Krankenwagen gerufen hat, weil sie kein zweites verlieren wollte, hat an Sonntagen vor diesem Grab gestanden, manchmal mit einem Schirm, manchmal ohne, und in beiden Fällen hat der Regen sich nicht beirren lassen. Er ist gefallen, weil er immer fällt. Er hat das Lebendige getröstet, indem er es atmen ließ, und er hat das Tote begraben, indem er es bedeckte. Es war derselbe Regen.

Diese Asymmetrie — derselbe Regen, zwei Wirkungen — ist mir lange nicht aufgegangen. Als Kind hatte ich zwei verschiedene Regen in meinem Kopf: den Atem-Regen aus der Krupp-Nacht und den Friedhofs-Regen vom Sonntag. Sie waren nicht miteinander zu verbinden. Erst Jahrzehnte später habe ich gemerkt, dass die Trennung in zwei Regen meine Erfindung war. Der Regen selbst hat keine Vorliebe. Er fällt. Er ist nicht freundlich, und er ist nicht feindselig. Er ist anwesend, in einer Form, die das Lebendige und das Verlorene gleichzeitig hält, ohne zwischen ihnen zu unterscheiden.

Wenn ich das jetzt schreibe, wenn ich sage, dass derselbe Regen rettet und trauert, dann ist das nicht eine literarische Pointe, sondern die Aussage über das Sein selbst, die im Folgenden ausgearbeitet werden muss. Leid kommt nicht aus einer eigenen Quelle. Trost kommt nicht aus einer eigenen Quelle. Beide kommen aus derselben Bewegung, die wir mal so nennen, mal so. Und das Verstehen dieses Sachverhalts ist, soweit ich sehen kann, die Bedingung für das, was in diesem Buch Verwandlung heißt.

Die physikalische Stimme

Schwarze Löcher — die Pupillen des Universums

Aus Kapitel 7

Eine Pupille ist kein Defekt. Wenn du jemandem zum ersten Mal in die Augen schaust, weißt du, ohne darüber nachzudenken, wo das eigentliche Auge ist. Es ist nicht in der weißen Lederhaut, nicht in der bunten Iris, nicht in den feinen Adern, die sich an den Rand drängen. Es ist im schwarzen Punkt in der Mitte. Der Pupille.

Eine Pupille ist die einzige Stelle des Auges, die nicht zurückleuchtet. Sie schluckt das Licht, das auf sie fällt, und entlässt es nicht wieder. Genau dadurch wird sie zum eigentlichen Eingang. Wenn die Pupille Licht zurückwerfen würde, könnten wir nicht hineinsehen. Wir würden uns selbst spiegeln und nicht den anderen Menschen erkennen. Die Pupille kann nur sehen, weil sie selbst dunkel ist.

Dieses Bild trägt das ganze Kapitel. Schwarze Löcher sind die Pupillen des Universums. Sie sind nicht Defekte der Physik, nicht „gnadenlose Allesfresser" — wie sie in vielen populären Darstellungen erscheinen, sondern etwas anderes: jene Stellen, an denen das Universum sich selbst sehen kann, weil dort kein Licht zurückkommt. Sie sind die Eingänge, durch die das Sichtbare ins Unsichtbare findet, und durch das Unsichtbare das Sichtbare zur Sichtbarkeit kommt.

Die Pupille des Auges öffnet und schließt sich. Sie weitet sich in der Dunkelheit, sie zieht sich im hellen Licht zusammen. Auch in dieser kleinen Bewegung tut das Auge, was das Universum im Großen tut: Es atmet. Es lässt herein und wieder los, abwechselnd, in einem Rhythmus, der sich der reinen Helligkeit ebenso entzieht wie der reinen Dunkelheit.

Was die Astrophysik weiß. Bevor ich das Bild philosophisch ausweite, muss ich die nüchternen Daten nennen, die die heutige Astrophysik zur Verfügung hat. Sonst klingt alles wie Spekulation, und das wäre der Sache nicht angemessen.

Die Idee eines Sterns, der so dicht ist, dass selbst Licht ihn nicht mehr verlassen kann, ist alt. Schon 1783 schlug der englische Naturphilosoph John Michell „dark stars" vor, später, etwa zur selben Zeit, auch Pierre-Simon Laplace. Mathematisch ernsthaft wurde das Konzept aber erst durch Karl Schwarzschild, der Anfang 1916, wenige Monate nach Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie und wenige Monate vor seinem eigenen Tod an einer Hautkrankheit, die er sich an der Ostfront zugezogen hatte, die erste Lösung der Einsteinschen Feldgleichungen für eine kugelsymmetrische Masse fand. Aus dieser Lösung folgte die Existenz eines kritischen Radius, des Schwarzschildradius: Wird die Masse innerhalb dieses Radius zusammengepresst, bildet sich ein Ereignishorizont, eine Grenzfläche, von der aus kein Signal, keine Information, kein Licht mehr nach außen gelangen kann.

Sehen kann man sie nicht direkt — sie sind ja schwarz. Aber man kann das Schattenbild sehen, das sie auf das umgebende heiße Plasma werfen. Im Frühjahr 2019 veröffentlichte das Event Horizon Telescope-Konsortium das erste solche Bild, von M87. Drei Jahre später folgte das Bild des supermassiven schwarzen Lochs im Zentrum unserer eigenen Galaxie. Beides sind unscheinbare orangene Ringe mit dunklem Zentrum, und beide gehören zu den eindringlichsten wissenschaftlichen Bildern unserer Zeit. Pupillen.

Der Trichter — wo die Welle der Raumzeit bricht. In den Zentren maximaler Verdichtung, in den schwarzen Löchern, erreicht das Wissen eine kritische Masse. Das ist mehr als eine Metapher. Wenn man, wie in den vergangenen Kapiteln, Materie als gefrorenes Wissen versteht und Bewusstsein als die Sortierungsbewegung des Ignotums, dann ist das schwarze Loch der Punkt, an dem diese Sortierung zu dicht wird, um sich selbst noch tragen zu können. Hier bricht die Welle der Raumzeit.

Eine Welle braucht einen Träger, der nicht selbst die Welle ist. Eine Wasserwelle braucht das Wasser; eine Schallwelle braucht die Luft; eine elektromagnetische Welle braucht das elektromagnetische Feld. In der Allgemeinen Relativitätstheorie ist die Raumzeit selbst die Welle ihrer eigenen Krümmung. Wenn aber zu viel Energie auf zu engem Raum versammelt wird, dann hört diese Welle auf, sich tragen zu können. Sie kollabiert auf sich selbst. Was vorher Raum war, wird Trichter. Was vorher Zeit war, wird ein Strudel, der nach innen statt nach vorne führt.

In diesen Trichter, und das ist die Lesart dieses Buches, stürzt die Information nicht in das Nichts, sondern in den unsortierten Ursprung, aus dem sie ursprünglich kam. Sie wird nicht zerstört. Sie wird de-strukturiert. Festes Wissen wird wieder flüssig. Geordnete Schwingungen lösen sich in das ungeordnete Zittern des Vakuums zurück. Das schwarze Loch ist der Ausatmen-Punkt des Universums, die Stelle, an der ein vollendetes Wissensmuster ins Ignotum zurückfließt, um den Raum für ein neues Wissensmuster zu schaffen.

Die Singularität selbst ist in dieser Lesart kein „Punkt unendlicher Dichte", wie sie in den klassischen Lehrbüchern erscheint, sondern eine Schwelle, der Übergang aus der sortierten Welt in das unsortierte Feld. Was immer dort wirklich passiert, kann von außen nicht beschrieben werden. Aber wir können sagen, dass es kein Endpunkt ist. Es ist eine Wende.

Gravitation und Expansion sind zwei Seiten desselben Atemzugs. Gravitation ist das Einatmen des Kosmos: Schwingungen bündeln sich, werden dichter, bauen Strukturen auf. Expansion ist das Ausatmen des Kosmos: Strukturen lockern sich, geben ihre Bündelung wieder ab, der Raum öffnet sich. Schwarze Löcher sind die Stellen, an denen das Einatmen seinen Höhepunkt erreicht und ins Ausatmen kippt — die Atemwende des Universums.

Es gibt nicht eine Welt, die zufällig atmet. Es gibt einen Atem, der zufällig eine Welt ergibt.

Die buddhistische Stimme

Welchen Samen gieße ich heute?

Aus Kapitel 15 — Die Ethik der Resonanz

Eine andere Eingangsfrage. Wenn alles schwingt, dann wirkt alles. Jede Handlung, jedes Wort, jeder Gedanke erzeugt Wellen im Feld des Seins. Aus dieser Tatsache folgt eine Ethik. Aber nicht die Art Ethik, an die wir gewöhnt sind.

Die meisten Ethiken, die wir in Schule und Universität gelernt haben, beginnen mit einer bestimmten Frage. Sie fragen: „Ist das erlaubt?" Oder: „Was darf ich tun?" Oder: „Was sagt das Gesetz, die Moral, der kategorische Imperativ?" Diese Frage ist nicht falsch — eine Welt, in der niemand sie stellt, ist eine grobe Welt. Aber sie ist nicht die einzige Frage, und in einer Schwingungslehre wie dieser ist sie nicht die erste.

Die Ethik der Resonanz beginnt mit einer anderen Frage. Sie fragt: „Wie wirkt das?" Sie prüft nicht, ob etwas richtig oder falsch ist, sondern ob es das Feld der Schwingung stärkt oder schwächt. Ob es das Lebendige fördert oder die Erstarrung. Ob es Resonanz erzeugt oder Dissonanz. Ob es das Ganze, das nicht aus getrennten Teilen besteht, in einer guten oder einer schlechten Phase berührt.

Welchen Samen gieße ich heute? Vor vielen Jahren bin ich in Thich Nhat Hanhs Das Herz von Buddhas Lehre über eine Übung gestolpert, die seither bei mir geblieben ist. Sie kommt aus der Yogacara-Schule des Buddhismus, einer der ältesten und subtilsten Schulen, die das menschliche Bewusstsein als ein Speicherhaus von Samen (sanskrit: bīja) versteht.

Die Idee, sehr knapp gefasst, geht so. In jedem Menschen liegen unzählige Samen — Anlagen, Möglichkeiten, Disposition. Es gibt Samen für Liebe, Geduld, Mitgefühl, Mut, Kreativität. Es gibt Samen für Wut, Eifersucht, Hass, Selbstmitleid, Verzweiflung. Diese Samen sind in jedem Menschen vorhanden — keiner ist nur gut, keiner ist nur schlecht. Was im Lauf eines Lebens entscheidet, welcher Mensch aus dieser Saat wird, ist eine schlichte Frage: welche Samen werden gegossen.

Die Samen, die du gießt, wachsen. Die Samen, die du ignorierst, schrumpfen. Wenn du jeden Tag den Samen der Wut gießt — durch dein Hingucken auf das, was dich aufregt, durch deinen inneren Monolog, durch das, was du sprichst — dann wird dieser Baum in dir größer. Wenn du ihn ignorierst und stattdessen den Samen der Geduld gießt, schrumpft er. Es ist keine moralische Gesetzgebung, sondern eine neurologische, psychologische, metaphysische Tatsache.

Bei mir ist diese Übung über die Jahre zu einer kleinen Frage geworden, die ich mir oft am Morgen stelle und immer dann, wenn ein Tag schwer wird: Welchen Samen möchte ich heute gießen? Von welchem Baum?

Die Übung im konkreten Moment. Damit das nicht abstrakt bleibt, eine ehrliche Auskunft. Ich stelle mir diese Frage nicht nur am Morgen am Tisch, mit einer Tasse Kaffee in der Hand. Ich stelle sie mir in den Augenblicken, in denen sie wirklich gebraucht wird.

Manchmal — und das ist keine spirituelle Pose, das ist ein Mensch, der ehrlich von sich erzählt — möchte ich jemandem in die Schnauze hauen. Es gibt einen Augenblick im Streit, im Verkehr, in einer Diskussion, in dem das alte vegetative Nervensystem schneller arbeitet als jede Theorie. Die Faust ist eine Wimper näher an der Reaktion, als sie sein sollte. In genau diesem Augenblick stelle ich mir die Frage. Nicht abstrakt. Konkret. Sascha, möchtest du den Samen der Wut wirklich gießen?

Die Frage selbst ist schon der erste Schritt. Sie ist eine Verlangsamung, der Augenblick, in dem das vegetative Reagieren durch eine bewusste Wahrnehmung unterbrochen wird. In diesem Wimpernschlag entscheide ich mich aktiv. Nicht für Erleuchtung — die kommt nicht in dieser Sekunde —, sondern für einen anderen Samen. Den Samen der Liebe, manchmal. Den Samen des Verständnisses, häufiger, weil Verständnis im Augenblick oft alles ist, was ehrlich möglich ist. Und manchmal nur den Samen des Innehaltens, des Einfach-nicht-Reagierens.

Nach einigen Jahren dieser Übung habe ich etwas gemerkt, das mich selbst überrascht hat. Der Baum der Wut, der in mir lange groß war, der jeden Affront sofort grün und kräftig in die Höhe getrieben hatte, hat fast vollständig seine Kraft verloren. Er ist nicht weg. Er steht noch sanft im Schatten der anderen Bäume. Aber er treibt nicht mehr von alleine.

Das ist die Frucht der Übung, soweit ich sie heute verstehe. Sie tötet keine Samen. Sie schenkt Wahl. Du wirst nicht zu jemandem, der keine Wut mehr hat, du wirst zu jemandem, der entscheiden kann, wann er sie braucht. Das ist eine andere Beziehung zu deinen eigenen Bewegungen. Und es ist eine, die mit jedem Jahr ruhiger wird.

Der Ankersatz. In dieser Sprache hat die Ethik der Resonanz einen Ankersatz, den ich seit längerem mit mir herumtrage:

Wie der Raum sich ausdehnt, wenn das Wissen loslässt, so wächst die Güte, wenn der Mensch vergisst. Die Ethik folgt der Physik der Schwingung.

Güte wächst nicht durch Akkumulation guter Taten, wie eine Buchhaltung sie zählen würde. Güte wächst durch die Bereitschaft loszulassen — die alte Verletzung, den nachvollziehbaren Groll, das gerechtfertigte Festhalten an der eigenen Position, sogar die berechtigte Forderung an den anderen. Wer das nicht loslässt, kann nicht groß werden. Wer es loslässt, schafft den Raum, in dem Güte überhaupt erst geschehen kann.

Die Ethik folgt also nicht einem System von Regeln, das ihr von außen aufgezwungen würde. Sie folgt der Physik der Schwingung selbst — derselben Bewegung, die die Welt im Großen treibt. Was im Universum Big Bounce heißt, heißt im Menschenleben Vergebung. Was kosmisch Negotum ist, ist ethisch Loslassen. Diese Parallele ist kein literarischer Trick, sondern die Folge davon, dass wir und der Kosmos derselben Schwingung angehören.

Und der Rest?

Diese Strecken sind ausgewählt. Im Buch stehen sie nicht nebeneinander, sondern verschränken sich über zweiundzwanzig Kapitel zu einem Bogen: vom Ignotum — dem gütigen Nichtwissen — über den Logos, das Cognitum bis ins Negotum, in das wir am Ende zurückgehen.

Wer hier mit dem Atem ein Stück mitgegangen ist, ist eingeladen, das Ganze zu lesen.

Ein Ort, für den es keine Worte gibt Vom Atem, vom Tod und vom Lebendigen

Sascha Lenze

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