Prozess and Reality - Alfred North Whitehead

Beitragsbeschreibung

BÜCHERECKE

Sascha Lenze

8/28/20263 min lesen

Buchkritik: Process and Reality – Alfred North Whitehead

Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht so genau, wie ich hier richtig anfangen soll. Process and Reality ist eines der schwerst verständlichen Bücher, die ich je gelesen habe – und trotzdem für mich eines der wichtigsten überhaupt. Ein ganz großer Teil meiner eigenen Ontologie der Schwingung basiert auf diesem Werk, zusammen mit Jochen Kirchhoffs Radialfeldtheorie aus Räume, Dimensionen, Weltmodelle.

Zur Person: Alfred North Whitehead (1861–1947) war zunächst vor allem Mathematiker, bevor er zum Philosophen wurde. Zusammen mit seinem ehemaligen Schüler Bertrand Russell verfasste er die Principia Mathematica, eines der bedeutendsten Werke zu den Grundlagen der Mathematik überhaupt. Erst spät in seiner Karriere, nachdem er nach Harvard gewechselt war, wandte er sich verstärkt der Metaphysik zu. Process and Reality entstand aus seinen Gifford Lectures, die er 1927/28 an der University of Edinburgh hielt – Whitehead war zu diesem Zeitpunkt bereits weit über sechzig. Dass ausgerechnet ein Mathematiker im hohen Alter eines der radikalsten metaphysischen Systeme des 20. Jahrhunderts entwirft, finde ich für sich genommen schon bemerkenswert.

Worum geht's inhaltlich:

Whitehead erklärt das Universum nicht als Ansammlung fester Dinge oder Substanzen, sondern als Prozesssystem. Nicht "Dinge sind", sondern "Ereignisse geschehen" – die Wirklichkeit besteht für ihn aus einer unendlichen Kette von "actual occasions", momentanen Ereignissen des Werdens, die einander ablösen und sich gegenseitig bedingen. Selbst das, was wir als beständige Objekte wahrnehmen, ist für ihn eigentlich ein Strom von Prozessen, der sich nur wiederholt und dadurch Kontinuität vortäuscht. Das ist ein fundamentaler Bruch mit der klassischen, substanzorientierten Metaphysik, wie wir sie seit Aristoteles gewohnt sind – und genau das macht das Buch so anspruchsvoll, aber auch so lohnend.

Zur Lesbarkeit:

Das ist auf keinen Fall ein Buch für jedermann. Man muss es lesen wollen, und man muss es auch durchhalten wollen. Ich musste manche Seiten zwei-, dreimal lesen, um sie überhaupt zu durchdringen. Whiteheads eigene Terminologie – "actual occasions", "prehensions", "eternal objects" – baut sich wie ein komplett neues Begriffsgebäude auf, das man sich erst mühsam erschließen muss, bevor man überhaupt anfangen kann, den eigentlichen Gedanken zu folgen. Ich bin der Meinung, ich habe verstanden, was er wollte – aber ganz sicher bin ich mir bis heute nicht. Das ist ein ganz abstraktes Denken, das einem nichts geschenkt gibt.

Wenn man es aber einigermaßen durchdringt, ist es wirklich ein Schatz. Es verändert die Art, wie man über Wirklichkeit, Zeit und Werden nachdenkt, grundlegend.

Was mich an dem Buch besonders elektrisiert hat, ist ein Gedanke, der einem eigentlich schon zu Beginn der Lektüre begegnet, wenn auch nicht aus diesem Buch selbst, sondern aus einer früheren Schrift Whiteheads (An Introduction to Mathematics, 1911), die aber denselben Denkstil vorwegnimmt: dass sich der Fortschritt einer Zivilisation nicht daran bemisst, wie sehr sie jeden Handgriff bewusst durchdenkt, sondern im Gegenteil daran, wie viele wichtige Vorgänge sie inzwischen ausführen kann, ohne noch groß darüber nachdenken zu müssen. Ein für Whitehead typischer Gedanke: Er dreht die naive Alltagsweisheit, man solle immer bewusst über sein Tun nachdenken, einfach um.

Und wenn man sich heute umschaut, muss man sagen: Whitehead hat damit etwas vorweggenommen, das sich seitdem immer weiter bewahrheitet hat. Unsere ganzen Modelle, unser gesamtes Wissen, wird ja permanent weiter gekürzt, verdichtet, abgekürzt. Ein Gesetzestext funktioniert im Grunde genau so: Am Ende steht eine Norm, aber diese Norm ist selbst schon die Abkürzung unzähliger darunterliegender Normen und Einzelfälle, die man nicht mehr einzeln durchdenken muss, sobald man den übergeordneten Begriff kennt. Pyramidenartig deckt ein einziger Oberbegriff dann eine ganze Menge weiterer Begriffe darunter ab, ohne dass man sie jedes Mal neu aufrollen müsste.

Künstliche Intelligenz ist letztlich nichts anderes als die konsequente Fortsetzung genau dieses Prinzips: ein Substrat aus geballtem Wissen, das uns die Möglichkeit gibt, riesige Wissensmengen zu verarbeiten, ohne selbst noch jeden einzelnen Gedankenschritt nachvollziehen zu müssen. Genau darin liegt für mich auch der eigentliche Mehrwert, den KI generiert: Wir brauchen weniger eigene Energie, um zum gleichen Ergebnis zu kommen, weil das System für uns bereits subsumiert hat. Whitehead hat diesen Mechanismus der fortschreitenden Subsumption im Grunde schon vor über hundert Jahren erkannt und in einem einzigen Satz zusammengefasst – lange bevor irgendjemand ahnen konnte, wohin das einmal führen würde.

Für meine eigene Ontologie war Whitehead prägend, weil ich mich an seinen drei Phasen orientiert und daraus meine eigene vierte Phase entwickelt habe. Bei Whitehead mündet der Prozess letztlich ins Göttliche – bei mir geht die Bewegung stattdessen zurück ins Ignotum. Genau an diesem Punkt trennen sich unsere Systeme, aber ohne Whitehead als Ausgangspunkt und Gegenüber hätte ich diesen vierten Schritt so nie formulieren können.

Fazit: Process and Reality ist kein Buch, das man einfach mal eben liest. Es ist zäh, es ist abstrakt, und es verlangt echte Durchhaltekraft. Aber für mich ist Whitehead einer der wichtigsten Philosophen überhaupt geworden – gerade weil er mir gezeigt hat, wie man Wirklichkeit als Prozess statt als Substanz denken kann, und weil er direkt in meine eigene Ontologie der Schwingung eingeflossen ist.

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