Nichtwissen als Bedingung von Wissen

Das Ignotum

ONTOLOGIE DER SCHWINGUNG

Sascha Lenze

9/1/20264 min lesen

Das Ignotum

Nichtwissen als Bedingung von Wissen.

Wissen gilt als Gewinn. Mehr Bestimmung, weniger Dunkel. Hinter diesem Satz steht eine stillschweigende Annahme: eine vollständig bestimmte Welt wäre die bessere Welt. Der vorliegende Text bestreitet nicht den Wert von Wissen. Er bestreitet die Annahme. Eine Welt, in der nichts mehr unbestimmt bliebe, wäre nicht vollendet. Sie wäre stillgestellt.

Der Name dafür, was diese Stillstellung verhindert, sei hier Ignotum genannt: nicht die Restmenge dessen, was uns noch fehlt, sondern die undurchsichtige Stelle, ohne die Unterscheidung — und damit Wissen — nicht vorkommt.

1.

Wissen ist keine Ansammlung von Sätzen. Wissen unterscheidet. Eine Messung trennt einen Wert von anderen möglichen Werten. Eine Diagnose trennt dies von nicht dies. Ein wahrer Satz steht gegen sein Gegenteil. Wo nichts mehr abweicht, gibt es nichts zu wissen. Nicht weil Daten fehlten. Weil Daten Differenzen sind.

Der Satz ist älter als jede Ontologie. Bateson hat Information als „a difference that makes a difference“ bestimmt; Shannon misst Information am Raum der ausgeschlossenen Alternativen. Beide treffen denselben Punkt: ohne Kontrast kein Signal. Eine total durchsichtige Welt hätte keine Kante mehr, an der sich ein Unterschied festmachen ließe. Sie wäre nicht allgewusst. Sie wäre stumm.

2.

Daraus folgt eine unbequeme Umkehrung. Das Nichtwissen ist nicht der Schatten, den das Wissen hinter sich herzieht und nach und nach tilgt. Es ist die Gegenseite, gegen die Wissen kontrastiert. Nimmt man sie weg, verliert Wissen nicht nur ein Thema. Es verliert das Medium, in dem es stattfinden kann.

Ein Bild macht das sichtbar, ohne es zu ersetzen. Man stelle sich einen Raum vor, der aus sich selbst leuchtet. Kein Schatten, keine Kante, keine Richtung. Orientierung fällt aus, nicht aus Mangel an Licht, sondern aus Mangel an Unterschied. Wer in diesem Raum sich selbst suchen wollte, fände keine Kontur. Sichtbarkeit braucht ein Nicht-Durchsichtiges. Erst das Dunkel macht das Licht lesbar.

Das Bild beweist nicht, dass das Sein „dunkel“ ist. Es zeigt eine Unmöglichkeit: die Sehnsucht nach totaler Transparenz überlebt ihr Ziel nicht. Absolutes Wissen erstickt die Welt nicht durch zu viel Inhalt. Es erstickt sie durch das Verschwinden jedes Unterschieds.

3.

Drei Nachbarn liegen nah und sind es nicht.

Bei Cusanus ist die belehrte Unwissenheit ein Weg. Je genauer wir wissen, dass wir nicht wissen, desto näher kommen wir dem Unendlichen. Das Ignotum ist kein Weg zu etwas Höherem. Es ist eine Funktionsstelle. Es muss nicht auf Gott hin gelesen werden, um zu tragen.

Bei Kant ist das Ding an sich eine Wand. Die Vernunft stößt an eine Grenze und bleibt diesseits. Das Ignotum ist nicht primär Grenze des Subjekts. Es ist die Bedingung dafür, dass es diesseits überhaupt etwas zu erkennen gibt. Die Wand-Metapher unterstellt ein Dahinter. Hier ist das Nicht-Durchsichtige kein Dahinter, sondern Mitbedingung.

Agnotologie untersucht, wie Nichtwissen gesellschaftlich hergestellt wird: durch Interesse, durch Auslassung, durch Macht. Das bleibt richtig und ist ein anderer Gegenstand. Ignotum meint nicht das, was jemand verdunkelt. Es meint das, was verdunkelt bleiben muss, damit Verdunkeln und Aufklären überhaupt unterscheidbare Handlungen sind.

Wer diese drei Hinsichten nicht trennt, macht aus einem ontologischen Satz eine Tugend, eine Schranke oder eine Ideologiekritik. Der Satz hält keine der drei Lasten.

4.

In der technischen Praxis erscheint dasselbe ohne Bild. Eine Lecksuche setzt voraus, dass Druck hier nicht Druck dort ist. Der Zeiger bedeutet etwas, weil die Kammer nicht überall denselben Zustand hat. Fiele der Unterschied aus, bewegte sich nichts. Nicht aus Versagen der Pumpe. Aus logischer Leere: es gäbe nichts, das eine Messung noch sein könnte.

Sätze gehorchen derselben Struktur. „Es regnet“ trägt, weil nicht-regnen möglich bleibt. Ein Sprechen, dem kein Schweigen gegenüberstünde, wäre kein Sprechen, nur Ton. Auch das Ich, das misst und spricht, braucht eine undurchsichtige Stelle. Wäre es sich vollständig durchsichtig, fiele die Distanz aus, in der es sich überhaupt als Wissendes erfahren kann. Selbsterkenntnis ist kein Sonderfall. Sie ist derselbe Kontrast, nach innen gewendet.

5.

Der nächste Einwand kommt sofort: Dann soll man aufhören zu wissen.

Nein. Der Satz verbietet nicht Forschung, nicht Diagnose, nicht Begriff. Er verbietet nur die Vorstellung, das Telos von Wissen sei das Verschwinden seines Anderen. Logos darf sortieren. Er darf nicht so tun, als wäre Sortieren erst vollendet, wenn nichts Unsortiertes bleibt. Eine Pumpe, die jeden Restunterschied absaugen wollte, arbeitete gegen die Bedingung ihrer eigenen Anzeige.

Ein zweiter Einwand: Das sei nur eine Aussage über endliche Wesen. Die Welt selbst könne durchaus vollständig bestimmt sein; nur wir erreichten das nicht.

Möglich. Dann wäre Ignotum keine Struktur des Seins, sondern die Form, in der endliches Erkennen Welt aushält. Das muss offengehalten werden. Für die These reicht vorerst das Schwächere, und es ist schon stark genug: auch wenn die Welt an sich vollständig bestimmt wäre, bliebe ein Wissen, das diese Bestimmung restlos einholen wollte, für uns kein lebendiges Wissen mehr. Es hätte seinen Unterschied verbraucht. Ob das Ignotum ontologisch oder existenziell sitzt, ist die nächste Frage. Sie darf die erste nicht blockieren.

6.

Die praktische Folge ist klein und unspektakulär. Man muss das Dunkel nicht verehren. Man darf es nicht für einen Fehler halten, den Fortschritt zu löschen hat. In der Wissenschaft heißt das: Grenzen nicht nur als vorläufige markieren, sondern als mögliche Struktur. In der Lebensform heißt das: eine Frage offen lassen können, ohne sie sofort in Unvermögen umzudeuten.

Ignotum ist deshalb kein Gegner des Logos. Es ist das, woran Logos sich reibt, und wodurch er Bewegung behält. Wer jede Lücke schließt, löscht nicht Unwissen. Er löscht die Bedingung von Wissen.

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