Ein Stiller Denkraum
Meister Eckhart, die Orthodoxie und ich
Meister Eckhart, die Orthodoxie und ich
PROJEKT COSMOS
Sascha Lenze
6/14/20262 min lesen


Meister Eckhart, die Orthodoxie und ich
von Sascha Lenze
Ich bin kein Theologe. Ich habe keine akademische Ausbildung in Philosophie. Ich habe gelernt, Dinge zu bauen, die funktionieren , Magnete, Vakuumsysteme, Prozessanlagen. Ich denke mit den Händen.
Trotzdem beschäftige ich mich seit Jahren mit einer Frage, die sich in der Werkstatt nicht stellen lässt, aber aus ihr herauswächst: Was ist der Grund hinter allem? Was ist da, bevor irgendetwas Form annimmt?
Das hat mich zu Meister Eckhart geführt. Und irgendwann — auf einem Umweg, den ich nicht geplant hatte — in eine russisch-orthodoxe Kirche in Duisburg.
Eckhart war schon im ersten Buch da. Er zieht sich durch Ein Ort, für den es keine Worte gibt als Gesprächspartner, als Reibungsfläche, als jemand, der Sätze gesagt hat, die ich nicht ignorieren konnte.
Der wichtigste davon: Got ist niht.
Gott ist nichts. Nicht: er existiert nicht. Sondern: er ist kein Ding, kein Gegenstand, kein Name, dem man habhaft werden kann. Eckhart nennt den Ort dahinter den Grunt — den Grund, tiefer als alles Denken, tiefer als die Trinität, tiefer als jede Theologie. Den Ort, der sich selbst nicht kennt, weil er kein Gegenüber hat.
Das klingt abstrakt. Aber es ist das Ehrlichste, was ich je über Gott gelesen habe.
Er hat nicht halbherzig gedacht. Er hat zu Ende gedacht — auch wenn das bedeutete, dass er 1329 posthum verurteilt wurde. Ich finde das tröstlich. Es zeigt: Das, was er beschrieben hat, war so wirklich, dass es Angst gemacht hat.
Der Weg von Eckhart zur Orthodoxie ist kürzer, als man denkt. Beide haben eine gemeinsame Wurzel: Pseudo-Dionysius Areopagita. Sein Kerngedanke: Gott ist jenseits jeder Beschreibung. Nicht einmal Sein kann man ihm zuschreiben. Aus dieser Wurzel ist im Westen Eckhart gewachsen — im Osten Gregor Palamas, der die orthodoxe Theologie auf eine Unterscheidung gebaut hat: das Wesen Gottes bleibt unzugänglich, aber seine Energien — seine lebendige, wirkliche Kraft — durchdringen alles und können empfangen werden.
Gott bleibt unerkennbar. Und ist trotzdem wirklich da.
Dann war ich in Duisburg.
Eine Freundin nahm mich in die russisch-orthodoxe Gemeinde mit. Keine Erklärung, kein Programm. Nur Gesang — kurze, sich wiederholende Melodien, Gebete im Rhythmus des Atems.
Nach dreißig Minuten war ich an einem Ort, den ich aus dem Denken kannte — aber aus dem Denken allein nie betreten hatte. Das Denken hatte sich beruhigt, nicht abgeschaltet. Die Schicht der ständigen Einordnung war dünner geworden. Und gleichzeitig war ich vollständig bei mir — in einem Zustand, der sich anfühlte wie der eigentliche.
Gott war da. Nicht außen. In mir. An einem Ort, um den ich lange herumgedacht hatte.
Die Orthodoxie hat einen Begriff dafür: Hesychasm, die Praxis der inneren Stille. Theosis — der Gedanke, dass der Mensch Gott nicht erkennt, sondern mit ihm in Kontakt tritt. Nicht durch Wissen. Nicht durch Willen. Durch Öffnung.
Genau das beschreibt Eckhart als das Funklein — einen Funken im Innersten der Seele, der nie von Gott getrennt war. Der Resonanzpunkt, der ein Wesen ist, bevor es irgendetwas hat.
Beide meinen denselben Moment. Den Moment in Duisburg.
Was hat das mit Projekt Kosmos zu tun? Alles.
Projekt Kosmos ist mein Versuch, Dinge zusammenzudenken, die normalerweise getrennt bleiben: Werkstatt und Philosophie, persönliche Geschichte und Theologie. Das erste Buch handelt von Trauer und endet mit drei Sätzen, die ich geschrieben habe, bevor ich in Duisburg war:
Solange Schwingung ist, ist Leben. Solange Nichtwissen ist, ist Gott. Solange Resonanz ist, ist Hoffnung.
Heute sehe ich darin ein Programm — für das, was ich weiter schreibe, und für das, was ich glaube.
Das Nichtwissen ist nicht das Gegenteil des Glaubens. Es ist seine Bedingung.
Projekt Kosmos umfasst bisher drei Bücher, die 2025–2027 erscheinen.