Buchkritik: Narzissmus – Dem inneren Gefängnis entfliehen

Buchkritik: Narzissmus – Dem inneren Gefängnis entfliehen

BÜCHERECKE

Sascha Lenze

4/21/20262 min lesen

Buchkritik: Narzissmus – Dem inneren Gefängnis entfliehen
Heinz-Peter Röhr (Patmos Verlag)

Dieses Buch ist für mich eines der wichtigsten, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Heinz-Peter Röhr schreibt mit einer super eigenen, klaren und zugleich sehr warmen Sprache – kein trockenes Fachchinesisch, sondern ein Ton, der sofort ankommt und Vertrauen schafft. Man merkt auf jeder Seite, dass hier jemand schreibt, der das Thema nicht nur theoretisch beherrscht, sondern mit großer Fürsorge und Respekt behandelt.

Röhr nimmt sich das Grimmsche Märchen „Der Prinz im eisernen Ofen“ (auch bekannt als „Der Eisenofen“) als zentrale Metapher und führt es meisterhaft durch das ganze Buch. Der eiserne Ofen wird zum Bild für das innere Gefängnis des Narzissmus: hart, kalt, isolierend, aber auch ein Schutzpanzer, den der Betroffene als Kind irgendwann dringend brauchte. Diese Verbindung von Märchen und Psychologie ist nicht nur schön erzählt, sondern hervorragend recherchiert und macht das Buch unglaublich lebendig und einprägsam.

Besonders stark finde ich, wie differenziert Röhr die narzisstische Persönlichkeitsstörung (NPS) ausarbeitet. Er zeigt klar die Unterschiede zwischen den Ausprägungen (männlich/weiblich, offener/verdeckter Narzissmus) und betont immer wieder: Menschen mit NPS sind keine reinen Täter, sondern in erster Linie Opfer ihrer eigenen Geschichte. Ja, sie können anderen durch ihre Störung massiv schaden – aber sie sind selbst Gefangene. Statt zu stigmatisieren, zeigt Röhr einen respektvollen, entlastenden und hoffnungsvollen Weg: Die Störung ist therapierbar. Der Ausgang aus dem inneren Gefängnis liegt vor allem darin, Betroffenen wirklich zuzuhören, sie ernst zu nehmen und nicht weiter zu verurteilen.

Das Buch spricht viele aktuelle gesellschaftliche Themen an – von toxischen Beziehungsdynamiken über Selbstwertprobleme bis hin zu der Frage, wie wir heute mit Verletzlichkeit und Authentizität umgehen. Für mich als Buddhist war es besonders berührend, weil Röhr immer wieder auf Achtsamkeit, Mitgefühl und echte Begegnung setzt. Das passt wunderbar zu buddhistischen Prinzipien und hat mich persönlich sehr angesprochen.

Fazit:
Ein tolles, wichtiges und unglaublich hilfreiches Buch, das ich wirklich jedem empfehlen kann – ob Betroffener, Angehöriger oder einfach jemand, der mehr über sich und die Menschen um sich herum verstehen will. Man lernt nicht nur extrem viel über Narzissmus, sondern auch über Märchen, über gesellschaftliche Muster und vor allem über sich selbst. Ein echter Schatz, der entstigmatisiert, Hoffnung gibt und zeigt: Aus dem inneren Gefängnis kann man entfliehen. Absolut lesenswert!