Ein Stiller Denkraum
Buchkritik: Morgenröte – Friedrich Nietzsche
Buchkritik: Morgenröte – Friedrich Nietzsche
BÜCHERECKE
Sascha Lenze
4/22/20262 min lesen


Buchkritik: Morgenröte – Friedrich Nietzsche
Dieses Buch ist für mich ein ganz besonderes – gerade weil ich es in der komplett verkehrten Reihenfolge gelesen habe: nach dreimaligem intensiven Durcharbeiten von Also sprach Zarathustra und direkt im Anschluss an Ecce Homo.
Zarathustra ist sprachlich eine Gewalt, die kaum zu überbieten ist. Umso spannender war es zu erleben, wie mild, fast besonnen Nietzsche hier schreibt. Die Aphorismen in Morgenröte (erschienen 1881) wirken ruhig, grabend, reflektierend – wie ein „Unterirdischer" bei der Arbeit, der langsam und geduldig die moralischen Vorurteile untergräbt. Am schärfsten und unerbittlichsten wird er bei der Kritik an der Kirche und speziell am Apostel Paulus sowie der ganzen christlichen Moraltradition. Nietzsche übt in Morgenröte aber auch Kritik an der Moral des Mitleids und an Kants Pflichtethik, doch diese Passagen sind bei mir kaum hängengeblieben. Vielleicht liegt das an der ruhigen, aphoristischen Form. Was nicht brennt, hinterlässt keine Narben. Und das sagt am Ende vielleicht mehr über das Buch als jede ausführliche Analyse.
Ansonsten fehlt hier der feurige Sturm, der Zarathustra ausmacht.
Es ist trotzdem ein schönes Buch mit vielen künstlerischen Formen und vielfältigen Gedanken – ein ruhiger, aber tiefer Einstieg in Nietzsches Moralkritik. Wer es allerdings mit der Erwartung liest, den sprachgewaltigen Nietzsche aus Zarathustra oder den beißenden Humor aus Ecce Homo zu finden, wird wahrscheinlich etwas enttäuscht sein. Für Einsteiger oder alle, die sich langsam an Nietzsche herantasten wollen, ist es jedoch hervorragend geeignet und lässt viel Luft nach oben.
Für mich war es kein Fehler, es zu lesen. Ich war nicht wirklich enttäuscht – aber auch nicht so überragt und begeistert wie von Zarathustra, das für mich einfach das beste Buch aller Zeiten bleibt.
Fazit: Morgenröte ist ein ruhiger, fast zärtlicher Nietzsche, kein Feuerwerk, aber ein wertvoller, nachdenklicher Grundstein. Wer die späteren Werke kennt, entdeckt hier den stillen Ursprung vieler großer Gedanken. Ein schönes, lohnendes Buch, das zeigt: Auch der sanfte Nietzsche hat Tiefe. Absolut empfehlenswert, besonders in genau dieser „verkehrten" Lesereihenfolge.

