Buchkritik: Athen und Jerusalem

Buchkritik: Athen und Jerusalem

BÜCHERECKE

Sascha Lenze

4/19/20262 min lesen

Athen und Jerusalem
Athen und Jerusalem

Buchkritik: Athen und Jerusalem

Leo Schestow (Mattes & Seitz Verlag)

Das Buch ist, gemessen an seinem Alter – es erschien erstmals 1938 und liegt hier in der schönen, 544 Seiten starken Mattes-&-Seitz-Ausgabe vor –, relativ einfach und direkt geschrieben. Man merkt deutlich, dass Schestow hier etwas zu sagen hatte, das verstanden werden sollte. Kein akademisches Fachchinesisch, keine unnötigen Abschweifungen: Der Autor geht mit einer fast schon verzweifelten Dringlichkeit ans Werk.

Das Buch beginnt direkt von der ersten Seite an mit einer scharfen, unerbittlichen Kritik an der klassischen griechischen Philosophie. Schestow setzt mit dem „gefesselten Parmenides“ ein: der Idee der unveränderlichen, ewigen Notwendigkeit, die alles Seiende bestimmt und die Freiheit des Menschen (und Gottes) in Ketten legt. Von dort aus zerlegt er auf Hunderten von Seiten praktisch jeden großen Philosophen, den man sich vorstellen kann. Platon und Aristoteles werden als Begründer der Tyrannei der Vernunft vorgeführt, die „Notwendigkeit“ (logische Wahrheiten, Kausalität, „2+2=4“) zum höchsten Prinzip erheben. Es geht weiter über Spinoza mit seiner reinen Vernunftreligion, Kant und Hegel, die das System der Notwendigkeit perfektionieren, bis hin zur mittelalterlichen Scholastik, die versucht, den biblischen Glauben rational „zu beweisen“ und damit zu verraten. Hier – und auch schon in den mittleren Teilen des Buches – wird besonders deutlich, wie hoch Schestow Martin Luther schätzt, den Begründer der Reformation und der evangelischen Kirche. Von ihm hält er sehr viel und sieht in ihm einen wichtigen Verbündeten im Kampf für einen unverfälschten, rein auf den Glauben (sola fide) gegründeten Glauben, der sich von der rationalen Scholastik befreit hat. Selbst vermeintliche Rebellen wie Nietzsche und Kierkegaard entkommen dem Zwang der notwendigen Wahrheiten bei Schestow nicht ganz. Der erste Teil „Der gefesselte Parmenides“, der zweite „Wissen und Freiheit“ und der dritte „Über die Philosophie des Mittelalters“ bilden eine lange, intensive Abrechnung mit der gesamten abendländischen Philosophiegeschichte. Athen steht hier für die Herrschaft der spekulativen Vernunft, die den Menschen in ein Gefängnis aus ewigen Gesetzen sperrt.

Besonders positiv finde ich die letzten circa 100 Seiten. Dort wird Schestow fast zahm, stellt eine im Verhältnis dazu fast zärtliche, menschliche und ehrliche Seite dar. Im vierten Teil „Von der zweiten Dimension des Denkens“ wechselt der Ton: weg von der Polemik hin zu einer persönlicheren, fast normalen Schreibweise. Er spricht von biblischem Glauben, von Hiob, der gegen die Notwendigkeit aufbegehrt, von Abraham, für den Gott das Unmögliche möglich macht, und von der Freiheit, die jenseits aller Vernunft liegt – wo für Gott „nichts unmöglich“ ist und selbst das Vergangene nicht mehr unabänderlich sein muss. Seine Schrift wird noch klarer, beinahe normal. Man könnte fast meinen, es wäre gar kein Philosoph, der hier schreibt, sondern ein Mensch, der aus tiefer, existentieller Erfahrung heraus spricht. Das ist die Jerusalem-Seite: der Glaube, der die Tyrannei der Vernunft bricht und echte Freiheit schenkt.

Für mich ist dieses Buch ein wichtiges Werk, aus dem ich einige Einflüsse in meine eigene Ontologie der Schwingung einfließen lassen konnte. Schestow sprengt die starren Grenzen des Rationalen und schafft Raum für etwas Lebendigeres, Pulsierenderes – genau das, was eine Ontologie braucht, die Sein als rhythmische Resonanz versteht.

Fazit:
Das Buch ist heute wichtiger denn je – gerade in Zeiten von Wissenschaftsgläubigkeit und einem verengten wissenschaftlichen Horizont, in dem alles auf messbare Notwendigkeiten reduziert wird. Es ist kein Feldzug gegen die Vernunft (die ihren Platz im Alltag hat), sondern etwas zutiefst Erhellendes: eine radikale Einladung, zwischen Athen und Jerusalem zu wählen und sich für die Freiheit des Glaubens zu entscheiden. Ein Klassiker, der nach wie vor wachrüttelt und in der heutigen Zeit dringender denn je gelesen werden sollte.